Die 6-3-5-Methode ist eine strukturierte Form des Brainwritings: Sechs Teilnehmende notieren pro Runde jeweils drei Ideeneinträge, arbeiten im verbreiteten Praxisformat fünf Minuten daran und geben das Blatt anschließend weiter. Auf die erste Schreibrunde folgen fünf Weitergaben. Damit umfasst die Methode sechs Runden und dauert rund 30 Minuten reine Schreibzeit.
Die Bezeichnung der 6-3-5-Methode steht für sechs Personen, drei Einträge und fünf Weitergaben. Die Ziffer „5“ bezeichnet historisch nicht fünf Runden und auch nicht zwingend fünf Minuten. Bernd Rohrbach veröffentlichte die Methode am 1. Oktober 1969 im Beitrag „Kreativ nach Regeln – Methode 635, eine neue Technik zum Lösen von Problemen“ in der Fachzeitschrift „Absatzwirtschaft“. Die bibliografische Angabe ist unter anderem in einem Materialpaket der Universität Paderborn dokumentiert.
Die 635-Methode erzeugt höchstens 108 Ideeneinträge – nicht automatisch 108 eigenständige oder umsetzbare Ideen.
Wie funktioniert die 6-3-5-Methode?
Für das klassische Brainwriting 635 benötigst Du sechs Arbeitsblätter. Jedes Blatt erhält drei Spalten und sechs Zeilen. Jede Person trägt pro Runde drei Gedanken in die freie Zeile des gerade vorliegenden Blatts ein.
Nach dem festgelegten Zeitfenster werden alle Blätter gleichzeitig in dieselbe Richtung weitergereicht. Die nächste Person liest die vorhandenen Vorschläge und kann diese ergänzen, kombinieren, konkretisieren oder durch neue Ansätze erweitern. Nach der ersten Runde und fünf Weitergaben hat jede Person an jedem Blatt gearbeitet.
- Teilnehmende: sechs Personen im klassischen Format
- Einträge: drei Vorschläge pro Person und Runde
- Zeit: üblicherweise fünf Minuten je Runde
- Durchgänge: sechs Runden insgesamt
- Weitergabe: fünfmal nach der ersten Schreibrunde
- Schreibzeit: rund 30 Minuten ohne Vorbereitung und Auswertung
Warum sind maximal 108 Ideeneinträge möglich?
Die Obergrenze ergibt sich aus einer einfachen Rechnung: 6 Teilnehmende × 3 Einträge × 6 Runden = maximal 108 Ideeneinträge. Die Zahl beschreibt die verfügbaren Felder, nicht die Zahl unterschiedlicher Ideen.
In der Praxis bleiben einzelne Felder manchmal leer. Zudem entstehen Wiederholungen, Varianten und Weiterentwicklungen vorhandener Vorschläge. Ein zunächst grober Gedanke kann dadurch aus mehreren Perspektiven konkretisiert werden. Entscheidend ist nicht die höchste Anzahl, sondern die Qualität der anschließenden Auswahl.
Vorbereitung der 6-3-5-Methode
Eine sinnvolle Anwendung beginnt mit einer klaren Aufgabenstellung. Eine gute Moderation grenzt das Problem so ein, dass alle am selben Thema arbeiten, ohne mögliche Lösungen vorwegzunehmen.
- Eine präzise Leitfrage: Formuliere ein konkretes Problem mit erkennbarem Ziel.
- Sechs Arbeitsblätter: Jedes Blatt benötigt drei Spalten und sechs Zeilen.
- Einen Timer: Fünf Minuten sind ein praktikabler Ausgangspunkt, aber keine unveränderliche Vorgabe.
- Gemeinsame Spielregeln: Während der Schreibphasen wird nicht diskutiert oder bewertet.
- Bewertungskriterien: Lege vorab etwa Nutzen, Aufwand und strategische Passung fest.
- Verantwortung für den nächsten Schritt: Bestimme, wer ausgewählte Vorschläge prüft oder weiterentwickelt.
Eine zu offene Frage wäre: „Wie können wir besser werden?“ Konkreter ist beispielsweise: „Wie können wir die Zahl unvollständiger Serviceanfragen innerhalb der nächsten drei Monate reduzieren, ohne zusätzliche Arbeit auf unsere Kundschaft abzuwälzen?“
Die 6-3-5-Methode Schritt für Schritt
1. Problem und Rahmen erklären
Die Moderation stellt die Leitfrage, das Ziel und mögliche Grenzen vor. Rückfragen werden vor Beginn geklärt. Während des Brainwritings sollten keine neuen Anforderungen hinzukommen.
2. Erste Runde durchführen
Alle sechs Teilnehmenden schreiben parallel drei Ideeneinträge in die erste Zeile des jeweiligen Blatts. Die Vorschläge sollten kurz, aber verständlich sein. Ein Stichwort ohne erkennbaren Zusammenhang ist für die nächste Person schwer weiterzuentwickeln.
3. Blätter fünfmal weitergeben
Nach fünf Minuten werden die Blätter gleichzeitig weitergereicht. In den folgenden Runden lesen die Teilnehmenden die bisherigen Einträge und ergänzen jeweils drei weitere Gedanken. Der Ablauf wiederholt sich, bis fünf Weitergaben erfolgt sind.
4. Einträge sammeln und bündeln
Nach der sechsten Runde endet die stille Ideenfindung. Ähnliche Vorschläge werden zu Themenfeldern zusammengefasst. Eine Mindmap kann dabei helfen, Zusammenhänge, Überschneidungen und offene Fragen sichtbar zu machen.
5. Ideen getrennt bewerten
Die Ideenbewertung beginnt erst nach der Schreibphase. Diese Trennung ist wichtig: Wer Vorschläge zu früh kritisiert, verengt den Lösungsraum, bevor genügend Alternativen vorhanden sind.
Für kleine Teams reichen häufig drei Bewertungskriterien:
- Nutzen: Welchen konkreten Beitrag leistet der Vorschlag zur Leitfrage?
- Aufwand: Welche Zeit, Kosten und Kompetenzen sind für die Umsetzung erforderlich?
- Strategische Passung: Passt die Idee zur Positionierung, zur ZielgruppeDefinition der Zielgruppe Eine Zielgruppe (auch Ziel-Gruppe, Zielgruppen, Target Audience) ist eine spezifische Gruppe von Personen oder Käufergruppen (wie Verbraucher, potenzielle Kunden, Entscheidungsträger usw.),... Klicken und mehr erfahren und zu den verfügbaren Ressourcen?
Bewerte zunächst grob und wähle wenige Vorschläge für eine vertiefte Prüfung aus. Bei Produktideen beginnt danach die eigentliche Produktentwicklung. Bei Prozessideen folgen eine verantwortliche Person, ein klarer Testschritt und ein messbares Ziel.
Praxisbeispiel für ein KMU
Ein kleines Unternehmen möchte seine erste Beratung verständlicher gestalten. Die Leitfrage lautet: „Wie können Interessierte vor dem ersten Gespräch schneller erkennen, welche Informationen wir benötigen und welcher Lösungsweg zu ihnen passt?“
- In der ersten Runde notiert jede Person drei eigene Ansätze, etwa einen kurzen Selbstcheck, klarere Leistungsseiten oder eine strukturierte Vorbereitungsmail.
- Nach der ersten Weitergabe konkretisiert eine andere Person den Selbstcheck durch fünf Auswahlfragen.
- In einer späteren Runde entsteht daraus die Idee, abhängig von den Antworten passende Informationen bereitzustellen.
- Nach sechs Runden bündelt das Team ähnliche Vorschläge zu den Themen Orientierung, Vorbereitung und Gesprächsablauf.
- Bei der Ideenbewertung wählt das Team einen kleinen Test aus, der wenig Aufwand verursacht und direktes Feedback ermöglicht.
In meiner Arbeit mit inhabergeführten Unternehmen und kleinen Teams erlebe ich häufig, dass nicht die Ideenmenge das Problem ist, sondern die gemeinsame Auswahl. Die 6-3-5-Methode ist deshalb nur dann nachhaltig hilfreich, wenn am Ende eine klare Entscheidung, eine verantwortliche Person und ein überprüfbarer nächster Schritt stehen.
Für den weiteren Weg von einem Vorschlag bis zur Umsetzung findest Du in unserem Beitrag über strukturierte Innovationsprozesse zusätzliche Hinweise.
Vorteile der 6-3-5-Methode
- Gleichzeitige Beteiligung: Alle Personen arbeiten parallel, statt auf einen Gesprächsanteil zu warten.
- Weniger Dominanz einzelner Stimmen: Redegewandte oder hierarchisch höher gestellte Personen bestimmen den Ideenfluss weniger stark.
- Nachvollziehbare Weiterentwicklung: Vorschläge bleiben schriftlich erhalten und können schrittweise ergänzt werden.
- Klare zeitliche Struktur: Der feste Ablauf begrenzt die reine Ideensammlung auf etwa 30 Minuten.
- Breitere Perspektiven: Jede Person arbeitet mit den Gedanken der anderen weiter.
Zurückhaltende Teilnehmende erhalten denselben festgelegten Anteil an der Ideenfindung wie besonders kommunikative Personen. Das garantiert noch keine psychologische Sicherheit, schafft aber bessere strukturelle Voraussetzungen für eine ausgewogene Beteiligung.
Grenzen und typische Fehler der 6-3-5-Methode
Die 6-3-5-Methode ist kein Ersatz für FachwissenWas bedeutet „Know-how“? Ganz einfach: Es ist die Fähigkeit, etwas zu wissen und zu können. Dabei geht es weniger um theoretisches Wissen, sondern vielmehr... Klicken und mehr erfahren, Recherche oder strategische Entscheidungen. Bei komplexen und erklärungsbedürftigen Problemen können fünf Minuten zu kurz sein. Auch unklare Leitfragen, Schreibdruck und Ermüdung in späteren Runden verringern die Qualität der Einträge.
- Unklare Aufgabe: Unterschiedliche Problemverständnisse führen zu schwer vergleichbaren Einträgen.
- Zu frühe Bewertung: Kritik während der Schreibphase hemmt weitere Ansätze.
- Mengenfixierung: 108 ausgefüllte Felder werden fälschlich mit 108 guten Ideen gleichgesetzt.
- Fehlende Diskussion: Missverständnisse können während der stillen Phase nicht unmittelbar geklärt werden.
- Keine Priorisierung: Ohne Bewertung und Zuständigkeit bleibt die Sammlung folgenlos.
- Zu ähnliche Perspektiven: Eine fachlich sehr homogene Gruppe produziert häufig Varianten derselben Grundannahmen.
Ungeeignet ist die 635-Methode vor allem dann, wenn das Problem zuerst analysiert werden muss, Informationen fehlen oder eine Entscheidung von rechtlichen, technischen oder finanziellen Prüfungen abhängt. In diesen Fällen sollte die Ideenfindung erst nach einer gemeinsamen Klärungsphase beginnen.
Varianten der 6-3-5-Methode für kleinere und digitale Teams
Das klassische Format arbeitet mit sechs Personen. Für KMU ist eine Anpassung möglich, solange Du die Abweichung klar benennst und den Ablauf entsprechend anpasst.
- Weniger als sechs Personen: Nutze pro Person ein Blatt. Nach der ersten Runde folgen so viele Weitergaben, bis jede Person an jedem Blatt gearbeitet hat.
- Längere Zeitfenster: Bei anspruchsvollen Fragen können sieben bis zehn Minuten pro Runde sinnvoller sein.
- Digitale Durchführung: Verwende ein gemeinsames Dokument mit getrennten Schreibbereichen und klar geregelten Wechseln.
- Asynchrone Anpassung: Lege Abgabefristen statt kurzer Runden fest. Diese Variante bietet mehr Denkzeit, entspricht aber nicht mehr dem kompakten Ablauf der klassischen Methode.
Bei digitalen Formaten sollte die Moderation Schreibrechte, Reihenfolge und Zeitfenster vorab prüfen. Andernfalls beschäftigt sich das Team mit dem Werkzeug statt mit der Leitfrage.
6-3-5-Methode oder Brainstorming?
Beim Brainstorming werden Vorschläge überwiegend mündlich in der Gruppe gesammelt. Beim Brainwriting schreibt jede Person zunächst still. Die Methode 635 eignet sich deshalb besonders, wenn Du parallele Beteiligung, schriftliche Nachvollziehbarkeit und einen festen Ablauf brauchst.
Eine offene Diskussion ist hilfreicher, wenn Rückfragen, spontane Reaktionen und ein gemeinsames Problemverständnis im Vordergrund stehen. Häufig ist eine Kombination sinnvoll: zuerst stilles Brainwriting, danach gemeinsames Bündeln und Bewerten.
Fragen und Antworten zur 6-3-5-Methode
Wie lange dauert die 6-3-5-Methode?
Bei fünf Minuten pro Runde dauert die reine Schreibphase 30 Minuten. Plane zusätzlich etwa 15 bis 30 Minuten für Einführung, Bündelung und Ideenbewertung ein.
Warum entstehen maximal 108 Ideeneinträge?
Sechs Personen schreiben in sechs Runden jeweils drei Einträge: 6 × 6 × 3 ergibt 108. Diese Zahl ist eine theoretische Obergrenze und bedeutet nicht, dass 108 unterschiedliche oder umsetzbare Ideen entstehen.
Besteht die 6-3-5-Methode aus fünf oder sechs Runden?
Die 6-3-5-Methode besteht aus sechs Runden: einer ersten Schreibrunde und fünf weiteren Runden nach den jeweiligen Weitergaben. Die Ziffer „5“ in der Bezeichnung steht für die fünf Weitergaben, nicht für die Gesamtzahl der Runden.
Funktioniert die Methode 635 mit weniger als sechs Personen?
Ja, Du kannst den Ablauf an kleinere Teams anpassen. Die theoretische Zahl der Einträge und die Zahl der Weitergaben ändern sich entsprechend. Die Anpassung entspricht dann nicht mehr dem klassischen Originalformat.
Kann Brainwriting 635 online durchgeführt werden?
Ja, ein gemeinsames digitales Dokument kann die Arbeitsblätter ersetzen. Wichtig sind getrennte Schreibbereiche, eine eindeutige Reihenfolge, ein sichtbarer Timer und eine Moderation, die den Wechsel koordiniert.
Wie werden die Vorschläge nach dem Brainwriting bewertet?
Bündle zuerst ähnliche Einträge und bewerte die verbleibenden Ansätze anhand weniger Kriterien wie Nutzen, Aufwand und strategischer Passung. Wähle anschließend nur so viele Ideen aus, wie Dein Team tatsächlich prüfen oder testen kann.
Wann ist die 6-3-5-Methode ungeeignet?
Die 6-3-5-Methode ist ungeeignet, wenn die Aufgabe unklar ist, wesentliches Fachwissen fehlt oder das Problem zuerst ausführlich diskutiert werden muss. Bei Entscheidungen mit rechtlichen, finanziellen oder technischen Abhängigkeiten ersetzt die Ideensammlung keine fachliche Prüfung.